Diese eine Kurve. Da ist sie und wartet auf mich. Diese eine Kurve am Frankenstein, meinem Hausberg. Noch 50 Höhenmeter dann wird es sich zeigen ob ich wieder Recht behalten sollte.

Rückspulen: Im Jahr 2010, also lange bevor der Mittelmotor sich als bevorzugte Antriebsart bei E-Bikes durchgesetzt hat, bin ich als Produktmanager viele E-Bike Motoren Probe gefahren. Damals waren Hinterradmotoren Stand der Dinge. Und dafür gab es gute Gründe. Der Hinterradmotor ist quasi völlig verschleissarm, da er als Bürstenloser Motor nur aus zwei Baugruppen besteht, die sich berührungsfrei drehen. Außerdem kann ein Radnabenmotor auch zur Rekuperation verwendet werden, also zur Stromgewinnung beim bremsen. Ein Idealer Motor also zur Verwendung bei einem E-Bikes. Könnte man meinen.

Doch das Ganze hat auch seine Kehrseite. Man kann bei einem Radnabenmotor nicht wie bei einem Mittelmotor auf die Schaltung des Fahrrades zurückgreifen um die Drehzahl des Motors anzupassen. Der Motor dreht immer nur so schnell wie das Hinterrad. Oder so schnell wie die Steigung es zulässt. Und da sind wir beim Stichwort: Radnabenmotoren neigen dazu, am Berg heiß zu werden und die Leistung zu drosseln. Oder sich zur Abkühlung komplett abzuschalten. Die zur Verfügung stehende Energie wird mehr in Wärme als in Vortrieb umgewandelt. Etwa so, als würde man mit einem Auto im sechsten Gang einen steilen Berg hochfahren. Dies führte in den letzten Jahren zum  unübersehbaren Siegeszug der Mittelmotoren bei E-Bikes. Speziell bei der Gattung E-MTB, also dort wo es in die Berge geht. Will doch das E-Bike hier sein Versprechen einlösen, das Radfahren schwitzfrei und leichter zu gestalten.

Ich hatte damals meinen Testberg, den Frankenstein in Eberstadt bei Darmstadt. Meinen persönlichen Motorenkiller. Und es gab da diese eine berüchtigte Kurve, etwa auf der Hälfte der Steigung, wo jeder Radnabenmotor seine Leistung drosselte oder sich ganz ausschaltete. Oft war dann ganz oben auf dem Gipfel der Akku komplett leer, weil er für diese lächerlichen 300 Höhenmeter seine ganze Energie verbraten hatte. Und er war sehr heiss.

Doch nun schreiben wir das Jahr 2017 und ich sitze auf einem Testrad der Firma HP-Velotechnik, das mir freundlicherweise von Daniel und Paul zur Verfügung gestellt wurde. Es ist das Modell Scorpion mit dem besonders leisen Hinterradmotor GO Swiss Drive. Und ich will es mal wieder wissen.

Ich habe, da ich natürlich ein völlig untrainierter Liegeradfahrer bin, den Antrieb auf maximale Leistung geschaltet und ballere die Strasse auf den Frankenstein hoch. So wie es die meisten Otto-Normal-Verbraucher bei einem E-Bike am Berg auch tun würden. Und ich warte, warte auf die berüchtigte Kurve. Zwischendurch überholen mich ein paar Autos, bei denen sich mein Kopf auf Höhe des Türgriffes befindet. Ich bin froh, dass sie mich überhaupt sehen. Sehen können mich dagegen sehr gut die drei Rennradfahrer, an denen ich in meiner bequemen Liegeposition bergauf vorbeifliege. Ich halte die ganze Zeit das Tempo mit Hilfe des Antriebs bei ca 24 bis 26 km/h. Und warte.

Doch nichts passiert. Meine Beine werden schon müde, ich habe aber noch die Hälfte der Strecke vor mir und lasse das Rad die ganze Arbeit machen, ich quäle mich nun mit gut 23km/h den Berg hoch. Da endlich ist der  Parkplatz am Gipfel. Ich steige ab, fasse kurz an den Motor und stelle fest, er ist nicht viel wärmer als die Umgebungsluft. Ein kurzer Blick auf den Akku genügt um festzustellen, dass hier erst ein Balken fehlt. Ein Indiz dafür, dass der Motor sich termisch wohl gefühlt hat und die meiste Energie in Vortrieb umgewandelt hat. Prima.

Für mich hat dieses Rad den Beweis angetreten, dass man mit einem Hinterradmotor auch in die Berge gehen kann. Zumindest bei uns in Mitteleuropa.

Ich fahre, da das Rad keine Stollenreifen hat, den Rest der Tour eine kleine Rennradrunde auf Asphalt zu Ende. Ich nehme also noch ein paar gute Steigungen bis zur finalen Abfahrt nach Jugenheim mit, um dann ganz entspannt den Rückweg an der Bergstraße nach Eberstadt anzutreten.

Abschließen bleibt zu sagen: Der Antrieb hat mich in diesem Rad überzeugt. Vielleicht ist es auch die Kombination aus niedrigem Luftwiderstand und Ergonomie? Es macht auf jeden Fall irren Spass mit dem Scorpion, den Hintern wenige cm über dem Asphalt schwebend, durch die Kurfen zu heizen. Bergab habe ich mich mangels jeglicher Dreiraderfahrung allerdings nicht getraut an den Grenzbereich zu gehen. Da geht sicher noch mehr. Profis fahren sogar mit einem Rad in der Luft. Danke nochmals nach Kriftel für diese tolle Erfahrung und eine Erkentniss reicher zu sein.

Was ich von der Industrie erwarte? Einen absolut bergfesten Radnabenmotor, der endlich das Thema Kettenverschleiss beendet und das geräuschlose Fahren mit Rückenwind ermöglicht. Ich weiß, dass es möglich ist. Arbeitet an der Effizienz und an der Kühlung!

Der Radnabenmotor ist tot, es lebe der Radnabenmotor!

 

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Der König ist tot, es lebe der König
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