Eurobike 2017.

Es regnet mal wieder. Ich schaue den Gang entlang zur Tür aus der Halle A4, zum Testparcours auf dem Freigelände der diesjährigen Eurobike. Der kleine Stand, den sich Retrovelo aus Leipzig mit tex-lock und FLECTR teilt, liegt am hinteren Ende der Halle A4. Zum Glück am Ausgang ins Freie. So kommen hin und wieder ein paar Besucher vorbei, die entweder eine Abkürzung suchen, einen Platz für eine Zigarette brauchen oder die sich tatsächlich für das tolle Fahrradschloss (ebenfalls aus Leipzig) interessieren.

Ich kann übrigens Gedankenlesen. Ich erkenne sofort, wenn ein Mensch mit leuchtenden  Augen auf mich zustürmt, ob er sich für das Fahrrad, das Schloss oder für die Eurobike-Award prämierten Speichenreflektoren interessiert. Es ist immer das Schloss.

Obwohl ich mit 1,5 Quadratmetern die kleinste Ausstellungsfläche habe, steht dort ein sehr schönes Fahrrad, das fast stellvertretenden für die ehemaligen ca 5000 Fahrradhersteller aus Deutschland steht, die anlässlich 200-Jahre Fahrrad Sonderausstellung der Zeitschrift Fahrstil  gewürdigt werden. Es ist ein echter Drahtesel, der so aussieht, wie viele der Räder die bis in die sechziger Jahre hinein die Mobilität vieler Menschen sichergestellt haben. Zusammengebaut von Hand, sogar pulverbeschichtet  in Wunschfarbe und mit Ledersattel und Ballonreifen für die grosse Fahrt gerüstet. Auch auf unbefestigten, holprigen Wegen.

Um den Messestand quasi zu verdoppeln, schiebe ich am zweiten Tag meinen privaten Ballonrenner dazu. Das taubenblaue Rad stammt aus der Gründungszeit von Retrovelo und hat gut 13 Jahre auf dem Buckel. Jetzt endlich bleiben die Fachbesucher stehen, auch wenn nur, um ein Bild der Blümchen am Lenker zu machen, die ich abends am Bodensee gepflückt habe und nun in der Vase am Lenker spazieren fahre.

 Mein Ballonrenner sieht, abgesehen von den abgenutzten Reifen, immer noch wie neu aus. Obwohl ich ihn bei Wind und Wetter als Stadtrad nutze. Nicht täglich aber doch sehr oft.

Beim Betrachten des Rades wird klar, ich kann dieses wahrscheinlich noch meinen Kindern vererben und es könnte auch hier noch viele Jahre seinen Dienst tun. Es ist ein Rad, gebaut für die Ewigkeit. Mir stellt sich die Frage, ob Retrovelo mit seinem Messestand darum nicht völlig fehl am Platz auf der Eurobike ist? Hier ist alles dem Fortschritt unterworfen. Höher, schneller weiter und vor allem, elektrischer.

Wer will ein Rad kaufen, auf dem man zwar im Schnitt 5km/h langsamer als alle anderen Menschen unterwegs ist, dafür aber sehr viel länger als mit den meisten Rädern. Ich meine mit länger: Jahre und Jahrzehnte. Etwas Luft im Reifen und ein wenig Öl auf der Kette ist fast alles, was dieses Rad braucht. Keine Steckdose für einen Akku, keine Inspektion an wartungsintensiven Federungsteilen und auch die Rollenbremse verbraucht ausser ein wenig Fett keine Bremsbeläge. Randbemerkung: Wenn sie denn bremst. Aber um vor einer Ampel zum stehen zu kommen hat es für mich noch immer gereicht.


Ich frage mich auch, ob Fahrradhändler überhaupt ein Interesse an solchen pflegeleichten, unverwüstlichen Produkten haben? Soll der Kunde schnell wieder kommen und Geld in der Werkstatt oder für ein neues Rad ausgeben oder ist der Händler froh, wenn der Kunde viele Jahre einfach nur unterwegs ist? Frei nach dem Motto: Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Ich kann diese Frage leider nicht beantworten.

Auch wenn ich am Freitag Abend in der Fahrstil Trendlounge einigen Kollegen meinen Unmut mitteile, bekomme ich keine Antwort. Wie auch. Entschädigt werde ich mit vielen guten Gesprächen, leckerem Bier und einer Auswahl an Fahrradhistorie. Letztere wird wie immer von Gunnar Fehlau äusserst kurzweilig vorgetragen.

In diesem Sinne: Die Eurobike 2018 kann kommen.


(letztes Foto: Kay Tkatzik)

 

Links aus diesem Beitrag

tex-lock.com
retrovelo.de
flectr.com

Fahrstil

 

Tage im stehen
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Ein Gedanke zu „Tage im stehen

  • 12. September 2017 bei 18:02
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    Wo ist denn hier der like button? Gefällt mir.

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